Ev.-luth. St. Georgs-Kirchengemeinde

Eisdorf / Willensen

Eine Weihnachtsgeschichte! Lesung am 3. Advent von Pastor Kertess

Adventskonzert am 13. Dezember 2009

Uns ist ein Kind gegeben
Werner Reiser

* Der Himmel war ratlos. Kein Himmlischer wusste mehr, wie man den Menschen beikommen könnte. Die Menschen waren für die Geheimnisse des Himmels taub und blind geworden. Lange Zeit war kein Bote mehr zur Erde geschickt worden, um vereinzelten Auserwählten etwas vom Geschmack des Himmels mitzuteilen. Auch die Träume waren erloschen. Wenn Menschen träumten, dann von ganz anderen Dingen, von Reichtum, Erfolg und schönen Frauen.Sie träumten nach außen, nicht nach innen oder gar nach oben. Dieser öde Zustand durfte nicht weiter um sich greifen. Die sichtbare und die unsichtbare Welt drohten immer mehr auseinander zu fallen. 


Es tat den Menschen nicht gut, sich immer nur mit sich selbst zu beschäftigen. Aber auch die Himmlischen litten darunter, immer nur unter sich zu sein. Sie drängten danach, ihre Welt aufzubrechen und den himmellos Gewordenen das Gesicht zu weiten. Doch keiner wagte es, von sich aus etwas zu unternehmen. Ihr oberster Gefährte war zu Gott gerufen worden und hatte sie ratlos zurückgelassen. Ohne seinen Auftrag wollten sie nichts erzwingen. So blieb ihnen nichts übrig, als in der Zwischenzeit die traurigen Herzen zu leeren und über mögliche Wege miteinander zu verhandeln.
Eine Gruppe wies darauf hin, dass früher die Erschütterungen der Erde und große Naturkatastrophen die Menschen am ehesten nachdenklich gestimmt hätten. Doch dagegen wurde einhellig Einspruch erhoben:,,Strafaktionen können doch nicht himmlische Mittel sein. Wahrscheinlich haben gerade solche Mittel dem Ansehen geschadet und den Himmel unglaubwürdig gemacht. Auch ist nach der großen Sintflut kein einziger besser geworden. Im Gegenteil, der Untergang hat den Übriggebliebenen ein derartig schlammiges Gefühl hinterlassen, dass sie bis ins Innerste verkrustet worden sind. Jeder, der gegen den Himmel misstrauisch ist, beruft sich auf solche Katastrophen.''
Da wäre es doch sinnvoller, meinte eine Gruppe, in voller Ausrüstung den Irdischen gegenüberzutreten und sie mit Glanz und Gloria so zu überwältigen, dass keiner mehr die Augen verschließen könne. Dem Aufmarsch der himmlischen Heerscharen werde niemand widerstehen. Aber die Jüngeren waren solcher Machtdemonstration völlig abgeneigt. ,,Wir werden wohl im Moment Eindruck machen'', gaben sie zu bedenken, ,,aber wir können ja nicht dauernd vor ihnen stehen bleiben. Wenn sie uns nicht mehr sehen, bleiben ihnen nur unsere Heere in Erinnerung. Und sie werden nicht zögern, unseren Auftritt nachzuahmen und selber Heere aufzustellen. Ja, sie werden uns missbrauchen, um ihre mörderischen Heere himmlisch zu verbrämen. Und ihre Lanzen und Schwerter werden nicht mehr aus Licht sein, sondern aus Stahl und Feuer.'' 
Bisher hatte sich eine weitere Gruppe zurückgehalten. Doch ihren Mienen war abzulesen, dass sie mit keinem Vorschlag einverstanden waren. Sie sahen so aus, als hätten sie besondere Überlegungen angestellt und wären längst zu einem besseren Entscheid gekommen. ,,Schaut doch nicht so überlegen drein'', riefen ihnen die andern zu, ,,sondern sagt, was ihr denkt! Es ist nicht himmlischer Brauch, seine Weisheit für sich zu behalten.'' ,, Man hat uns nicht gefragt. Wir können warten, bis man uns anhören will. Nun denn, wir haben uns unter den Menschen umgesehen und sind auf andere Dinge gestoßen. Wir haben wie ihr lange Zeit darunter gelitten, dass man von uns nicht mehr viel weiß oder wissen will. Wir haben die Ursache dafür nicht nur bei ihnen gesucht, sondern auch bei uns und unsern gebräuchlichen Wegen. Wir haben seit Wochen den irdischen Markt erforscht. Man muß wissen, wie sie denken, was sie erwarten und welche Bedürfnisse sie haben. Danach müssen wir unsere Absicht richten. Sonst bleibt es ein Angebot ohne Nachfrage.'' ,,Ich erhebe Einspruch!'', rief einer. ,,Wir sind vor ihnen da gewesen. Wir haben ältere Rechte anzumelden. Sie haben uns nicht zu kritisieren. Die Bedürfnisse des Himmelssind tiefer, von den Geheimnissen Gottes ganz zu schweigen. Sie sind Geschöpfe, und erst noch die letzten. Sie haben zu dienen.''
,,Beruhige dich'', antwortete ihm ein anderer. ,,Du weißt doch noch, wie Gott die Menschen schuf - aus reiner Freude. Weil Er frei von ihnen ist, ist Er auch frei für sie. Lass uns den Vorschlag hören.'' So fuhren die Boten fort, die die Menschen erforscht hatten, und sprachen:,,Seit die Irdischen ohne Aufblickzu uns leben, wenden sie den Blick nur noch zur Erde. Sie arbeiten immer gegen den eigenen Schatten. Das gibt auch ihrer Arbeit etwas Dunkles und Endloses. Sie können sich nicht mehr recht freuen und sehnen sich doch danach. Wir wollen ihnen ein Fest bereiten und ihnen so auf Jahre Erinnerungen der Freude und der Freiheit schenken.'' Kaum hatten sie gesprochen, erhob sich lebhaftes Stimmengewirr. Weil es aber Himmlische waren, töne es dennoch himmlisch schön: Ein Fest mit allen Geschöpfen Gottes, das wäre die Versöhnung! - Sie werden einen Augenblickan uns denken und uns bald zur bloßen Dekoration erniedrigen! - Sie unterbrechen nur die Arbeit, aber nicht ihre Grundhaltung! - Wir hinterlassen ihnen bessere und tiefere Bedürfnisse, als sie bisher hatten! Und so wogte es hin und her.
Plötzlich wurde es still. Gabriel war zu ihnen getreten. Er war bei ihm gewesen. Noch leuchtete etwas um ihn, das vom Urlicht Gottes ausstrahlte, das keiner sehen konnte, ohne die Augen zu verschliessen. Nun stand er unter ihnen und strahlte sie an. Dann sagte er:,,Ein Kind.'' Und als ihn alle sprachlos anschauten, wiederholt er:,,Ein Kind. Er gibt ihnen ein Kind. Das ist seine Antwort an die Menschen.'' Ein Kind? Ein Kind!, riefen nun alle miteinander und es klangwie Glocken hell und dunkel, leicht  und dumpf, staunend und erschrocken, bewundernd und abwehrend: ein Kind - wie göttlich; ein Kind - wie gewöhnlich; ein Kind - wie einfach; ein Kind - wie unverständlich!
Da aber bei den Himmlischen keiner aus seinem Herzen eine Mördergrube machen muss, weil er das nämlich nicht kann, da jeder an der Stelle des Herzens ein Herz hat, ließ Gabriel mit Ruhe die Einwände an sich herankommen. Hatte er es doch selber kaum fassen können, als ihm Gott den Plan mitgeteilt hatte. Er wusste, dass seine Gefährten umso lieber am Werk mithalfen, je klarer sie es selber beurteilen konnten.
Als erstes brach es aus jenen heraus, die die Irdischen erforscht hatten:,,Aber sie wollen das Kind doch nicht! Sie wollen überhaupt keine Kinder mehr.Sie fürchteten sich vor ihnen. Sie erfinden alles um Kinder fernzuhalten und sie zu verhüten oder abzutreiben. Kinder sind unerwünscht. Und dann, wenn Kinder trotzdem kommen, haben sie keinen Platz für sie. Man gibt Familien mit Kindern keine Wohnung. Überall sind sie eine Last und müssen es spüren und hören. Sie alle, die, die keine Kinder wollen, und die, die keine Kinder in der Wohnung haben wollen, haben den Segen in Fluch verwandelt. Darum wird auch für dieses Kind kein Platz sein. Es ist unerwünscht.'' Gabriel antwortete ruhig:,,Eben gerade darum soll es ein Kind sein, ein unerwünschtes neben unerwünschten. Es wird ihm gehen wie vielen andern. Der Mann seiner Mutter wird sie verlassen wollen. Der Machthaber der Zeit wird ihm nach den Leben trachten, kaum ist es geboren. Später wird man nach ihm greifen wollen, weil er als Erwachsener anders denkt und lebt als die andern. Immer wird er unerwünscht sein - so, wie Gott selber in der Welt unerwünscht ist.Dieses Kind teilt sein Schicksal mit Gott und mit allen ungeliebten Menschen. Das wird die Gemeinschaft aller Unerwünschte sein.''
Da Fragen erlaubt war, nahte sich einer jener Gruppe, die die Menschen mit Schrecken erschüttern wollten, und fragte:,, Warum soll es wieder einer von ihrer Sorte sein? Gibt es davon nicht schon geniug?''
Gabriel wiederholte die Frage ruhing un d sprach:.. Du meinst: Warum soll es wieder einer von ihrer Art sein, nicht wahr? Vergiss es nicht, dass die Menschen nur ein wenig geringer sind als wir selbst, auch sie hat Gott mit Hoheit und Ehre gekrönt.'' ,, Gut, ja '', antwortete er, ,, warum soll es wieder einer von ihrer Art sein? Von ihresgleichen nehmen sie nichts an. Sie kennen und durchschauen einander genug. Ihr Wesen pflanzt sich fort und veränder sich nicht. Warum gibt Er ihnen nicht gleich eine höhere Stufe? Zwischen ihnen und uns ist doch noch genügend Raum für einen höheren Menschen, für einen, der sich schon weiterentwickeltund den bisherigen irdischen Menschen abgestreift und überwunden hat. Warum fängt Gott wieder mit den Menschen dieser Art an? ''
Gabriel antwortete:,, Alles Menschliche, das mehr ist als ein Mensch, wird ein Übermensch und unmenschlich. Sie haben an Übermensche genug zuleiden. Für Gott sind sie recht als Menschen. Es genügt, wenn sie rechte Menschen sein können. Sie haben noch viel Raum, um sich als Menschen zu entwickeln, die Schöpfung Gottes ist noch nicht zu Ende. So lange Er sie haben will, sind sie im Werden. Es ist wieder ein neuer Schöpfungstag, wenn Er dieses Kind schafft.
Du brauchst keine Angst zu haben. Das Kind wird von ihrer Art sein, aber nicht von ihrer Unart. Es wird ihnen zeigen, wie menschenfreundlich Gott ist und wie gottesfreundlich der Mensch sein kann. Das Herz Gottes wird von ihm an in der Welt schlagen. Dann bekommt auch das menschliche Herz einen neuen Takt.'' Still flüsterte da ein Kleiner vor sich hin:,, Auf alles hat er eine Antwort, als ob immer alles aufginge und kein Rest zurückbliebe. Aber da er es im Himmelsraum flüsterte, widerhallte sein Vorwurf von allen Seiten.
Gabriel schaute ihn an und sprach:,, Ich habe ihn gesehen. Seine Augen leuchteten vor Freude und die ganze Menschheit spiegelte sich darin, als Er ans Werk ging. Kann ich euch da eine andere Antwort geben? '' 
Daraufhin wagte kaum mehr einer, etwas zu fragen, bis zuletzt einer sich bescheiden erkundigte:,, In welchem Volk soll das Kind geboren werden? Und ist es auch sicher, das man es dort annimmt? '' Ihm antwortete Gabriel:,, Es wird in einem Volk geboren werden, das kein Volk ist und keine Grenzen hat. Was dort geschieht, gehört von Anfanf an der ganzen Welt. Er kommt in diesem Volk zur - Welt. Und ob sie es annehmen? - Es ist eine Gabe Gottes und nicht ein Zwang. Du weißt, dass Gott mit seinen Gaben die Welt nicht erpresst und nicht kauft. Er gibt aus reiner Freude. Er gibt aus Liebe. Es ist sein Angebot an alle.''
Nun musste nieman mehr fragen, auch wenn die Freude und das Beben nicht verstummten. Denn im Himmel führen die Gespräche immer zu einem Weg, dem alle aus innerer Überzeugung zustimmen können. Bevor aber der Jubel ausbrach, verteilte Gabriel die zukünftigen Aufgaben.
Zur ersten Gruppe sprach er:,, Ihr werdet den Menschen den Schlammder ASngst von den Herzen nehmen, damit sie die einfache Liebe und das Vertrauen wieder empfinden können. Ihr werdetin der Nacht der Geburt den Menschen erscheinen und ihnen sagen: Fürchtet euch nicht, denn wir verkündigen euch Freude! '' Zur zweiten Gruppe sprach er:,, Ihr werdet in jener Nacht die himmlischen Scharen vertreten. Doch sollt ihr mit leeren Händen vor den Menschen erscheinen, damit sie erkennen, dass der Himmel keine anderen Waffen hat als die Macht und die Ohnmacht der Liebe Gottes. ''
Und zur dritte Gruppe sprach er:,, Ihr werdet das Fest in die Herzen jener legen, die ein unerwünschtes Kind bekommen. Ihr werdet im Traum dem Mann erscheinen, der seine Frau verlassen will, und ihm Mut machen. Ihr werdet in der Nacht die Frauen und Mädchen ermutigen, die in der Hoffnung und von Sorgen gequält sind. Ihr werdet das Fest in die Herzen jener legen, die keine eigenen Kinder haben, aber andere aufnehmen. Ihr werdet die Herzen der Vermieter aufbrechen, dass sie Familien mit Kindern in ihre Häuser aufnehmen. Wenn einige beginnen, werden andere ermutigt, solange es noch unerwünschte Kinder gibt. ''
Und so kam es, dass drei Monate später ein erschrockener Mann bei seiner Frau blieb, die ein Kind erwartete, und abermals sechs Monate später das Kind in der Krippe lag und alle Engel zitternd und fröhlich sangen: Ehre ist Gott in den Höhen und Friede auf Erden unter den Menschen an denen Gott Wohlgefallen hat. Und eine Zeit begann, die nie mehr aufhört.